SG Weißensee 49 e.V.
Abteilung Schach


Erlebnisbericht vom Deutschland-Cup

Resturlaub mit durchwachsenem Erfolg genutzt

Welch schöne Überraschung ! Da habe ich Anfang Oktober, also "rund um meinen Geburtstag", noch Resturlaub aus 2009 und stelle fest, dass just zu dieser Zeit der "Deutschland-Cup" in Wernigerode stattfindet.

Nun gut, warum also nicht eine Woche "Herbst im Harz mit Animationsprogramm" verbringen? Wie schon so häufig, gestattete mir das Internet die schnelle Gestaltung meines individuellen Reiseplans.

Freilich bot der Spielort selbst - das HKK-Hotel**** inmitten des Stadtzentrums von Wernigerode - auch gleich die Übernachtungsmöglichkeit an, jedoch stellte sich hier ein Gesamtpreis von über 600,- € für den Turnierzeitraum als indiskutabel dar.

Die deutlich billigere Alternative war dann mit dem Sporthotel in Blankenburg, nur 15 Autominuten vom Turniergeschehen entfernt, schnell gefunden; hier wurde mir dann im übrigen sogar noch die "Kurtaxe" erlassen; Zitat des Wirtes: "Sie sind doch zum Schachspielen hier, Schach ist in Deutschland als Sport anerkannt, wir sind ein Sporthotel, und Sportler zahlen generell keine Kurtaxe!"

Nachdem dies nun alles organisiert war, konnte es nach der Anreise am 3. Oktober, gemeinsam mit (nur) 86 anderen Schachfreunden, auch gleich mit der ersten Runde losgehen.

Um es gleich vorwegzunehmen: die Turnierbedingungen waren in besagtem HKK-Hotel natürlich hervorragend, und die Organisation (auch des Rahmenprogramms, u.a. mit Brocken-Ausflug sowie Fahrt in das Schachdorf Ströbeck) perfekt, was ich im weiteren vermittels persönlichen Dankschreibens an die Initiatoren würdigte.

Nun aber endlich zum schachlichen Teil: der Deutschland-Cup wird in Gruppen untereinander, sozusagen nach "DWZ-Gewichtsklassen", ausgetragen, so dass ich mich gemäß meiner offiziellen 1564 mit 15 anderen Spielern (DWZ 1500-1599) auf sieben Runden "Schweizer System" (1:30 h für 40 Züge, 30 Sek. Zeitaufschlag/Zug + weitere 30 Minuten für den Rest der Partie) freuen durfte.

In der ersten Runde konnte ich mit "Schwarz" gegen Schachfreund Schomann (1512) aus Lübeck gleich mein geliebtes Budapester Gambit auspacken. Mein Gegner entschied sich hierbei für "4. e4", was sich im weiteren als äußerst komfortabel für "Schwarz" herausstellen sollte.
Zudem spielte er im Mittelspiel ungenau, so dass ich ihn mit meinen Leichtfiguren "einschnüren" konnte, was mir letztlich sogar zwei Mehrbauern einbrachte.
Doch dann sollte ich eindrucksvoll und grausam beweisen, warum ich mich selbst als "Hobbypatzer" bezeichne: für meinen vermeintlich schnellen Mattangriff ließ ich einen weißen Freibauern zu. Eben diesen Freibauern hätte ich dann im Rahmen eines Abtausches einfach wie ein Anfänger wiederzunehmen brauchen, und gemäß späterer FRITZ-Analyse wäre "Weiß" hiernach schlichtweg "platt"gewesen. Nein, ich wollte lieber "schnell und schön" gewinnen, übersah aber, dass Herr Schomann aus meiner so schön durchgerechneten Angriffsformation ganz einfach herauskam - durch seine noch mögliche lange Rochade, wonach sein Freibauer die Partie für "Weiß" entschied.

Gut, Mund abputzen, nächster Morgen, 2. Runde mit "Weiß", Gegner: Börner (1511; Bad Bevensen). Am Brett wurde ich jedoch zunächst durch eine resolute ältere Dame mit norddeutschem Akzent begrüßt: "Guten Morgen, ich bin Frau Börner, Sie spielen heute gegen meinen Mann... Heinrich, komm her, hier ist Brett 8!" Die Partie gegen den 81jährigen Herrn B. sollte ein zähes Stück Arbeit werden. Nach Bird-Eröffnung folgte ein unklares Mittelspiel, im Turmendspiel konnte ich schließlich die d-Linie zur "Sperrschranke" für den schwarzen König erklären, was die Partie nach 65 Zügen für mich entscheiden sollte.

Nach "Ruhetag mit Brockenausflug" am 5. Oktober sollte am Folgetag das "Mammutprogramm" anstehen... jeweils eine Runde morgens und eine Runde nachmittags! In der dritten Runde hatte ich "Schwarz" und spielte gegen Schachfreund Kribber (1582; Bad Salzdetfurth) skandinavisch / Marshall-Gambit (also 2. ... Sf6). Mein Gegner ließ dann, wie er selbst sagte, durch einen "Fingerfehler" meinen Damenspringer in seine Stellung hinein, was mir trotz Minusbauern spürbare Inititative einbrachte. Letztere hätte ich wohl besser kontinuierlich beibehalten bzw. ausbauen sollen, denn mein (zu schneller) Bauern-Rückgewinn verschaffte "Weiß" unangenehmes Gegenspiel über die f-Linie. Entschieden wurde die Partie schließlich im Bauernendspiel, wo mir ohne jede Zeitnot (!) ein ganz böser "Fingerfehler" unterlief und die weißen Bauern durchbrechen konnten... gemäß FRITZ stand ich übrigens zu diesem Zeitpunkt schon wieder besser!

Ja, es lief also nicht so recht mit "Schwarz", aber am Nachmittag hatte ich ja dann wieder "Weiß", und zwar gegen den Bajuwaren Herrn Kees (1581; Peiting). Wiederum wählte ich "Bird", wiederum gab es ein unklares Mittelspiel, wobei mein bayerischer Gegner allerdings durch eine Ungenauigkeit meinem Springer unverhofften Aktionsradius einräumte. Nachdem besagter Springer dann den zweiten schwarzen Bauern "unentgeltlich verspeist" hatte, gab Herr Kees auf, verweigerte mit den Worten "Na, na, jetzt mog I nimma!" jegliche Nachanalyse und verließ sichtlich "angefressen" den Turniersaal.

In der fünften Runde hatte ich dann erfreulicherweise schon wieder "Weiß", und zwar gegen einen Harzer Lokalmatadoren (Giese, 1536 / Rübeland). Natürlich blieb ich bei "1. f4", gewährte meinem Gegner allerdings zu viel Initiative im Mittelspiel, was mich zeitweise einen Minusbauern kosten sollte. Durch folgendes Gegenspiel auf schwarze Schwächen konnte ich diesen Bauern für das Leichtfiguren-Endspiel (ich: aktiver Springer / er: passiver Läufer) zurückgewinnen, und ich lehnte das Remisangebot meines Gegners ab. Tja, und nach einigen weiteren Zügen stellte ich dann fest, dass das Endspiel für mich verloren ist. Jedoch versäumte es Herr Giese überraschenderweise, ganz einfach mit seinem König dem Freibauern den Weg zu bereiten, und am Ende durfte ich mich doch noch über ein glückliches Remis freuen.

Ich hatte nun 2 1/2 aus 5, und die Gruppenkonstellation ließ mich immer noch auf die Preisränge schielen. In Runde 6 sollte mir dann mit "Schwarz" endlich einmal eine vernünftige Partie vom Anfang bis zum Ende gelingen. Mein Gegner, ein Herr Meyer (1576) aus Hohentübingen, wählte gegen mein Budapester Gambit die Variante der "Materialbehauptung" (also 7. Dd5), was mir jedoch Initiative einbrachte. Diese führte nach einem groben Fehler seitens Herrn M. zu einer schrecklichen Fress- und Abtauschorgie meines Springers durch die weiße Stellung, mit dem Ergebnis: eine Figur mehr - plus aktivere Stellung - plus bessere Bauernstruktur für "Schwarz"... Herr Meyer gab nach 39 Zügen auf.

Durch einen Sieg mit "Weiß" in der letzten Runde würde ich auf Platz 4 und damit noch in die Preisränge schleichen können. Gegen Herrn Helbig (1547; Altenberg) spielte ich also wiederum 1. f4... und nun kam endlich einmal Froms Gambit, welches ich ablehnte. Ich stand nach der Eröffnung aktiver und sah plötzlich eine Abwicklung mit Figurengewinn für den Fall der naheliegenden schwarzen langen Rochade. Nach meinem Zug ging ich also mit dem Gedanken "wenn er jetzt lang rochiert..." zwecks Nikotinsuchtbefriedigung nach draußen.
Anlässlich meiner Rückkehr sah ich schon aus der Ferne, dass der schwarze König jetzt tatsächlich auf c8 steht, setzte mich mit Frohlocken wieder an das Brett... und begann, noch einmal nachzurechnen... und zu prüfen... und zu überlegen... und zu grübeln... und, ha, sch...., geht ja doch nicht, hat ja Zwischenschach, wat nu? Tja, muss ich wohl doch abtauschen, also: L x c6... ein hörbarer Seufzer entfuhr meinem Gegner, die Partie nahm ihren Lauf, ich wurde ungeduldig, machte einen Fehler im Mittelspiel und verlor schließlich das Endspiel. Bei der folgenden Analyse wies mir Herr Helbig nach... genau, wie ich es vor meiner Grübelei zu besagtem Zug (es war übrigens der 13.!) schnell durchgerechnet hatte, hätte ich wirklich einen Läufer gewonnen, denn die gegnerische Abwicklung nach dem Zwischenschach wäre letztlich ins Leere gelaufen... nach zu viel Nachdenken sieht man eben manchmal Gespenster...

Fazit: mit einem Resultat von 50 % (3,5 aus 7; 7. Platz von 16) bei viermal "Weiß" kann ich absolut nicht zufrieden sein, und noch nie habe ich ein Turnier gespielt, wo ich in sämtlichen meiner Verlustpartien, wie dargestellt, besser oder gar auf Gewinn stand (wenn mich doch bloß einmal jemand richtig plattgeschoben hätte).

Trotzdem hat es mir insgesamt großen Spaß bereitet, ich werde voraussichtlich auch den nächsten Deutschland-Cup mitspielen, und eine Woche Harz mit Sonnenschein und 20° C an allen Tagen dürfte sich wohl allemal gelohnt haben!

Markus Hempel-Morgenstern